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Das
Burgfräulein
Zu Kunst und Identität von Konstantin Rüchardt
1
Mein Burgfrauenbild
Oder:
Gebrauchsanweisung für die ganze Kunst
Oder:
Die halbe Wahrheit über Bilder
Vom Einfall
Im Großen und Ganzen lassen sich alle Bilder erschließen, wenn man weiß wo vorne und hinten ist.
Mein Burgfrauenbild
Als Kind wohnte ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern. Wir waren viele und es war immer viel los. Aber wir waren nicht die einzigen, die da wohnten, da waren auch noch die Bilder. Ein Bild hing groß und dominant im Wohnzimmer. Ich habe mich vermutlich immer gefragt, was das ist. Ein Dunkles Bild in einem schwarzen Rahmen darauf ein Frauenkopf, der auf einem unsichtbaren, auch finsteren Körper sitzt. Es war immer das Bild einer Gefangenen, die mit einer erstaunlichen Gefasstheit ihre Gefangenschaft täglich wieder präsentierte.
Jeder kennt die Geschichte von dem, der die Prinzessin zum Lachen bringt, der darf sie behalten. Das war mein Spiel mit dem Burgfrauenbild, vermutlich bin ich deswegen Maler geworden. Sie war nichts was ich war, sie lebte einfach bei uns, sie forderte mich heraus und wir haben uns immer gut unterhalten, das Bild und ich.
Jetzt bin ich erwachsen, lebe mit meiner Familie in unserer Wohnung, und das Bild meiner Burgfrau hängt im Wohnzimmer meiner Familie. Jetzt kann ich unser heimliches Gespräch erzählen, denn jetzt bin ich lange genug Maler um unserer Unterhaltung zu trauen.
Die Fragen des „Wer bin hier eigentlich ich“, und „wer bist hier eigentlich Du“ und „Was ist hier eigentlich los?“ habe ich gerne mit dem Burgfrauenbild besprochen. Heute glaube ich, dass der Maler, der sie damals gemalt hat, sie liebte, er hätte ihr sonst nicht diese ausweglose Gefangenschaft, in der sie doch spricht, gegenübergestellt.
Das Bild
Das Bild begleitet den Menschen seit Jahrtausenden, und vieles von dem, was wir über Menschen wissen, oder zu wissen glauben, die vor uns gelebt haben, erfahren wir durch die von ihnen zurückgelassenen Bilder. Es scheint etwas zu geben, das Bild und Mensch verbindet.
In dem Moment, in dem der Mensch sich bewusst wird, dass er wahrnimmt, fängt er an zu malen, und damit fängt er an, sich mit seiner Wahrnehmung verfügbar zu machen. Im Bild verkündet sich der Mensch als Individuum, er erweitert seine reelle Sichtbarkeit um seine wesenhaft bedingte Sichtbarkeit.
Kunst kommt von künden: das Bild ist eine Verkündigung des Malers.
Phantasie heißt sichtbar machen: Das Bild macht den Wesenszusammenhang des Malers sichtbar. Allgemein gültiger Identitätszusammenhang ist, als einer unter mehreren sich einer Wirklichkeit gegenüber zu befinden. Das galt für den Höhlenmaler und das gilt auch für uns.
Ein Bild, das eine Kunde des Malers sichtbar macht wird also ein Ich, ein Gegenüber und eine Wirklichkeitssicht enthalten, um einem anderen zugänglich zu werden.
Als stillstehendes beansprucht das Bild Gültigkeit im bewegten Leben. Das Bild ist also auch eine Feststellung. Wahrgenommenes wird in ihm festgestellt, und gegenüber dem bewegten Leben für gültig erklärt.
Das Bild, von dem ich ausgehe, zeigt einen tätigen in eine Strukturiertheit eingebundenen Menschen.
Um ein Bild zu verstehen sollte es als Ergebnis des Erkenntnisweges eines Malers gesehen werden. Was zu sehen ist hat der Maler so festgestellt, und wenn es für einen anderen Menschen Bedeutung ermöglichen soll, wird es in der Wesensverbindenden Form des „Ich-Du-Weltzusammenhang“ formuliert sein.
Das aufs Bild gebrachte ist etwas, was der Maler aus dem „Sich der Wirklichkeit gegenüberstellen“ erfährt, in sich und im Dialog mit dem werdenden Bild deutet, und erst offenbart, wenn er es für gültig erklärt.
Die auf dem Bild auftauchenden Figuren hat man sich dem Maler gegenüber vorzustellen. Ob, wie und als was ein Gegenüber wahrgenommen werden kann zeigt sich daher in den Figuren. Wie die Welt sich ordnet, wie die Wirklichkeitszusammenhänge gedeutet und festgelegt werden zeigt sich im Geschehen, in der Darstellung. Der Maler selbst, das „Ich“ erscheint in der Komposition, in der Strukturiertheit, im Raum des Bildes. Das „Ich“ ist die Verfasstheit des Raumes in uns, mit dem wir der Welt begegnen. Es ist der innere Kosmos, der Anspruch auf äußere Gültigkeit erhebt.
Die Bedingtheit des Ich liegt in der Transzendenz, und damit außerhalb der Zeitdauervorstellung. Die Bedingtheit des „Du“ formuliert sich als Erkennen in der Zeitdauervorstellung. Die Bedingtheit des Geschehens ist die Lesbarkeit. Das Geschehen wird Erzählung durch den Bezug auf einen kulturellen Zusammenhang, dadurch, dass es im Vorstellungskontext Sichtbarkeit erlangt.
Durch den Stillstand des Bildes werden diese drei Zeitebenen, Unendlichkeit, erlebbare Zeit und der Vorstellung verfügbare Zeit in einem Gegenstand zusammengefasst. Da diese Zeitebenen mit den sie betreffenden Wirklichkeiten auch Grundbedingungen des Individuums sind ergibt sich die Sonderrolle, die das Bild unter den Gegenständen einnimmt. Es ermöglicht eine Interpretation, die ansonsten nur einem Mitmenschen gegenüber angemessen ist. Es steht für Individualität.
Das Abbild
Das Abbild ist ein Gegenteil des Bildes. Das Wesentliche am Bild sind Erkenntnis und Wahrnehmung. Das Wesentliche am Abbild sind Entsprechung und Behauptung. Das Abbild sagt, es wäre etwas, was es nicht ist. Daher rührt der Widerwille gegen das Fotografiert werden bei Völkern, die in einem anderen Kulturzusammenhang als dem modernen leben.. Das Abbild ist etwas, was von etwas an sich ganzem weggenommen wird. Eine Eigenschaft des Abbildes ist es, etwas dem unteilbaren Individuum gehörendes außerhalb des Kontrollbereiches des Individuums präsent werden zu lassen. Die Abbildung macht das Individuum verfügbar für Zwecke, die nicht seiner Kontrolle unterliegen. Die Abbildung kann dem Individuum aber auch Präsenz an Orten verleihen ohne anwesend zu sein.
Die Haupteigenschaften der Abbildung sind Behauptung, Verfügbarkeit und Zeugnis.
Das Abbild kann die Trophäe des Seelenjägers sein (Wenn er heimlich Eingeborene fotografiert, wenn er Prominente beim Nacktbaden erwischt..), das Abbild kann der Verfügbarkeit von gemachtem dienen (Wenn man z.B. etwas aus einem Katalog bestellt). Das Abbild kann beweisen, wer die Bank ausgeraubt, die Kinder verprügelt, die Gefangenen gefoltert hat.
Das Abbild lebt von der Widererkennbarkeit, nicht von der Erkenntnis. Das Abbild ist der Begleiter der Herrschaft. Man findet es auf Münzen, man findet es in Tempeln, man findet es täglich im Präsenzkampf der Mächtigen, man findet unglaublich viele davon in Diktaturen. Macht will immer die Individuen auf ihr Abbild einschwören, ihrem Abbild unterordnen. Macht ersetzt die Erkenntnis durchs Abbild der Macht. Wenn Macht und Erkenntnis verbunden sind ist das ein funktionierender Weg. Der mächtige wird erkannt, eingesetzt, und der Machtbereich nach seinem Bild gestaltet. Daraus können lebendige Hierarchien entstehen, Systeme in denen Erkenntnis und Verantwortlichkeit zusammengehören.
Das Abbild entspricht im Wesentlichen dem Vorurteil. Es steht nicht für Erkenntnis sondern für Widererkennen, und wieder erkennen bedeutet festzulegen in einem definierten Rahmen. Das Abbild sucht nicht die Möglichkeit, sondern ist ein Werkzeug im Wirkbereich von Macht.
Man kann sich das Leben als Gebrauchtwagen vorstellen. Um gewiss zu sein, sich damit auf Reisen begeben zu können empfiehlt es sich, sich ein möglichst genaues Bild vom Zustand und Funktion des Wagens zu machen; auch ist es sinnvoll, will man sich damit in unbekannte Regionen wagen, auf alle möglichen Unfälle und Reparaturen vorbereitet zu sein. Dafür sind Abbildungen, Kataloge und Berichte der Vorbesitzer sicher von großem Nutzen.
Das „Wohin“ ist die Malerfrage, und es ist mit diesem Auto möglich, die erstaunlichsten Gefilde zu erreichen. Es empfiehlt sich, will man nicht stecken bleibe, sich im Kreise fahrend verlieren oder schreckliche Unfälle bauen, den Weg mit ähnlicher Sorgfalt zu behandeln wie dem Wagen. Wo es um Orientierung geht sind aber andere Karten gefragt als die Servicehefte und die Reiseberichte der Vorgänger. Orientiert man sich an den Abbildungen landet man immer wieder in der Werkstatt, oder immer in der Toskana, im Ferienhaus des Vorbesitzers. Für neue Ziele braucht man Zugang zum Möglichkeitsraum.
Der offene Raum
Der offene Raum ist der Raum, in dem nichts sein muss, aber alles sein kann. Der offene Raum ist der, in dem Lebendiges sich findet und nicht nur entstanden ist. Im offenen Raum zeigt sich durch Erkenntnis neues. Im offenen Raum findet man sich. (Nicht ohne sich vorher verloren zu haben). Im offenen Raum gibt alles einander Bedeutung, da dort alle Beziehung Erkenntnis ist. Der offene Raum ist vorläufig (da er nicht rückläufig ist). Der offene Raum ist differenziert (da er nicht vereinheitlicht ist) Der offene Raum ist Präsent und präsent und präsentiert sich. (ist das geschenkte gegenwärtig anwesende das sich zeigt). Der offene Raum ist die Möglichkeit des Gestaltens aus Erkenntnis und damit der Möglichkeitsraum, der Raum erkennender handelnder Freiheit. Der offene Raum ist die natürliche Heimat des Erkenntnisorientierten Malers. Alleine mit seiner Wahrnehmung vor einer weißen Fläche, und fähig sofort und ohne Absprachen oder große Vorbereitungen im Bild zu handeln, ist eine ideale Vorraussetzung, um im offenen Raum erkanntes öffentlich werden zu lassen.
Der offene Raum entfaltet sich durch eine Anschauung, in der alles Festgelegte zu Gegenständen wird, die zur Disposition stehen.
Der geschlossene Raum
Der geschlossene Raum ist der gewordene. Der geschlossene Raum ist bekannt, und in ihm gibt es Orientierung. Im geschlossenen Raum herrschen Gesetze und Regeln, die auf Erfahrung gründen. Im geschlossenen Raum wurde man gezeugt um in den geschlossenen Raum hineingeboren zu werden, um im geschlossenen Raum einen geschlossenen Raum zu bekommen, und dann, mit anderen, immer größere Räume zu bauen und damit zu schließen. Der geschlossene Raum ist erfüllt von einer seltsamen Sicherheit, nur weil er ist trägt er immer die Behauptung des ganzen Raumes in sich. Das Bemühen des geschlossenen Raumes ist es, jedes menschliche Erkenntnisstreben mit einer in ihm vorhandenen Antwort zu beantworten. Alle Antworten die es im Geschlossenen Raum gibt sind Repräsentanten des geschlossenen Raumes, und damit Abbilder.
Hier scheiden sich die Formen der Bebilderung, hier stellt sich eine Frage nach dem Selbstverständnis des Malers. Seine Bilder begleiten den Raum als Repräsentanten von Wahrnehmung. Er kann sich verbünden mit der Erkenntnis und malen, was wahrnehmbar ist, oder er kann sich verbünden mit der Macht, und malen, was wahrzunehmen erlaubt, ziemlich, ist. Er kann die Strukturiertheit des geschlossenen Raumes als Maßstab seiner Komposition, seines „Ich“, nehmen, oder er kann in der Fühligkeit des offenen Raumes Komposition und „Ich“ finden. Er kann das Gegenüber in der Rolle, als Funktionär des geschlossenen Raumes, oder in der Möglichkeit, als sich aus offener Zukunft in die Sichtbarkeit hineinbildendes Wesen, finden und formulieren. Er kann die Erzählung auf die Selbstdefinition des geschlossenen Raumes beschränken, und er kann die Erzählung auf einer Möglichkeitsperspektive fußen, in der ein Mensch mit Bildverständnis den geschlossenen Raum vielleicht gerade noch als Semikolon im Nebensatz einer großen Geschichte wieder finden kann. Mit Individualität, Wahrnehmung und Perspektive arbeitet der Maler an einem Gegenüber zum geschlossenen Leben, und daher rührt die Wichtigkeit, die wir ihm beimessen, wenn wir versuchen andere Zeiten, andere Kulturen, zu verstehen.
Wir sehen die Bilder nicht als Abbildungen, sondern als Übersetzungen menschlicher Verhältnisse: zum „Ich“, zum „Du“, zur Macht, zum Ganzen (Gott,Sinn...)
Bilder sind Kulturell nur übersetzbar, wenn sie die „Ich“, die „Du“ und die „Geschehen“ Ebene aufweisen, wobei das Geschehen auch in der Präsenz des Gegenüber liegen kann. Ansonsten sind sie nicht aus der menschlichen Individualität, sondern nur im Zusammenhang zugänglich. Es sind dann keine eigenständigen Werke. Das im Bild nicht formulierte wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Es wird also von einer verbindlichen und nicht von einer Erkenntnisgeprägten Wahrnehmung ausgegangen, wenn ein Maler Teile der Form nicht formuliert. Daher ist das nicht formulierte immer Teil eines geschlossenen Raumes.
Die Burg
Die Burg ist die Form des geschlossenen Raumes. Die Burg ist stark, begrenzt und beherrscht. Die Burg erhebt den Anspruch der Ganzheitlichkeit. Die Burg ist eine Machtvorstellung, die sich dadurch realisiert, dass ihre Regeln befolgt werden. Eine Burg entlarvt man am besten in ihren Gesetzen, die nie die Erkenntnismöglichkeit schützen, sondern immer die Machtinteressen. Das Bild in der Burg ist das Abbild der Burgherrin. Es gibt in der Burg keinen Möglichkeitsraum, außer durch die Dynastie der Burgherren, die absolut herrscht. Daher ist es für den Maler sehr real, sehnt er sich denn nach dem Möglichkeitsraum, den Abbildungswunsch der Burgherren in einer Weise zu erfüllen, die ihm die Anerkennung der Herrschaft bringt. So kann er sich aus dem ihn beherrschenden geschlossenen Raum der Burg herausmalen, in eine Welt andere Möglichkeit, das vorher absolute wird ihm zum Gegenüber, beziehungsweise zum Gegenstand.
Das Bild des Burgherren, das die Möglichkeit des Malers gewesen ist, ist seine Chance vom Teil der Burg zur Person, zum Individuum mit Möglichkeitsraum zu werden. Das Bild des Malers zeigt das Abbild der Burgherren. Für alle in der Burg stellt es die Möglichkeit dar, für den Burgherren, dessen Abbild es ist, stellt es nichts dar, er schaut auf das Bild seines Vorgängers, denn daher hat er Möglichkeit bekommen. Das Abbild des Burgherren ist der letzte Teil der Ahnengalerie, und schon für den Nachfolger des Burgherren gemacht. Es ist gemalt für den Mythos der Burg, um den jeweils herrschenden Burgherren in der Vergangenheit zu verankern. Und durch Dauerhaftigkeit des Mythos dessen Stärke zu demonstrieren, und den neuen Herrscher an die alte Herrschaft zu binden. Die Burg selber ist das Individuum, das “Ich“. Der Burgherr ist das Gegenüber der Bewohner, das „Du“ innerhalb der Burg, und die Ahnengalerie der Mythos. Der Mythos ist die Transzendenz. Die Burg wächst durch die Arbeit der Bewohner in dem Raum, der den Burgherren auf den Gründer der Burg bezieht. Das Bild des Burgherren ist immer die Ergänzung des der Burg Individualität entgegenstellenden Bildes. Ein Abbild ist das Bild der Burgherren nur für diejenigen in der Burg, die ihn loswerden wollen, um ihn durch sich zu ersetzen, so wird der Tyrannenmord zum Begleiter des Mythos.
Der Sturz der Burg durch den Händler
Der Händler macht sich alles zum Gegenstand. Er wertet auf und er wertet ab, und daraus entsteht sein Reichtum. Er kennt viele Burgen, und er weiß um die Relativität der Gültigkeit der Bilder. Er weiß Bilder von großer Reichweite von Bildern von kleiner Reichweite zu unterscheiden, er kann die Macht eines Herrschaftsbereiches einschätzen, und sich zu ihr in Relation setzen. Der Händler gehört keiner Burg an, er bewegt sich auf der ganzen Welt. Er verhandelt mit völlig verschiedenen Gegenübern Wertigkeiten und Risiken. Er agiert wie ein Schauspieler, indem er lernt die Rolle der Figur in verschiedenen Burgen/Identitäten anzunehmen. Er erlangt Reichtum und Macht durch seine Aktivitäten, doch fehlt ihm die identifizierende Gültigkeit. Er hat zu nichts ein Respektsverhältnis (respectare: zurückschauen), er hat keine kulturelle Einbindung, die ihm Rücksicht sinnvoll erscheinen lässt. Seine Vergangenheit ist verwandelt in Reichtum und Macht. Seine Perspektive ist das machbare. Er ist so lange Rücksichtsvoll, wie es ihm sinnvoll erscheint, um aus einem Spiel mit auf und abwerten von Dingen und Menschen Gewinn zu ziehen. Dieser Gewinn begründet die Macht des Händlers, und ihn setzt er ein, um immer mehr Burgen in ein Schuldverhältnis ihm gegenüber zu treiben. Er kolonialisiert. (Colonia: die Pflanzstadt, von colere: hegen, pflegen, abwarten). Er hegt nicht und pflegt nicht und wartet nicht ab, sondern er fordert Tribut.
Jetzt ist er nicht mehr Händler, sondern Kapitalist. Jetzt setzt er seine Macht ein, indem er Abhängigkeit und Entwertung betreibt, und sofort funktioniert es wie ein Kettenbriefspiel, und die Macht des Kapitalisten nimmt unglaublich schnell zu. Er respektiert keine Werte, sondern nur die Verwertung, und wo er auftritt verwandelt sich alles von Kulturzusammenhängen in Verwertungszusammenhänge.
Er hat die Macht in der Burg übernommen, lässt sich malen, und hängt sein Abbild hinter seinen Schreibtisch.
Sein Bild löst das Burgherrenbild ab. Das Burgherrenbild war aber Teil des Mythos der Burg, und damit ein Identitätsbild mit „Ich“, „Du“ und „Geschehen“ Darstellung.
Das Abbild des Kapitalisten ist kein Identitätsbild, und so enden Mythos und Identität der Burg.
Der Kapitalist hat kein Gegenüber, da das den Respekt voraussetzten würde, sein Geschehen ist das Wachsen seines Reichtums, das hält er für seinen persönlichen Mythos, sein „Ich“ ist ein Zerrspiegel, der was auf ihn zukommt verkleinert, und was von ihm weggeht vergrößert. Die Identität des Kapitalisten ist keine Identität eines Menschen, sondern die eines Apparats; und zwar eines recht bedenklichen Apparats, er macht alles, was ihm nicht zugehörig ist klein und alles, was ihm zugehörig ist verwandelt er in eine Erweiterung des Apparats.
Das Abbild des Kapitalisten steht für die Behauptung der Fortführung von Herrschaft. Es hat sich aber nur die Macht des Kapitalisten als der Macht des Burgherren überlegen erwiesen, es ging um ein Kräftemessen in dessen Verlauf die Identität der Burg zerfiel, die Herrschaft hat, anders als die Macht, Identität bildend zu sein, und sie landet nicht beim Kapitalisten, sondern sie steht zur Disposition.
Beim Fall der Burg zerfällt ein Individuum in seine Aspekte, und mit dem Individuum zerfällt auch das Bild..
Es zerfällt in den Mythos, die in der Vergangenheit verankerte Erzählform des Burgbildes, und landet damit, nach einer Zeit der Differenzierung in einer Wirklichkeit, in der es kein „Ich“ und kein „Du“ gibt, bei der völligen Entwertung gegenwärtiger Menschen vor der einzigen Gültigkeit des Mythos. Das wird die Blut und Bodenmalerei des Faschismus.
Er zerfällt in den Sozialistischen Realismus, in dem es kein „Ich“ gibt, sondern die „Duheit „ aller Menschen als Bedingung der Erzählung definiert ist, hier ist der Einzelne Fortsetzung des Klassenkampfes, und kein Individuum.
Und er zerfällt in die gegenstandslose Malerei, in der es kein Gegenüber und keine Zugänglichkeit der Erzählung gibt.
Abstraktion (abstrahere: abziehen, wegnehmen) taucht als Bezeichnung einer Gegenstandslosen Malerei auf. Abgezogene Kunst, oder der Kunde beraubte Kunst, jedenfalls etwas, das nicht offenbart, was es ist, sondern nur zeigt: es ist etwas anderes. Es ermöglicht nicht aufs Individuum bezogene Interpretation. Man kann Behauptungen über Gegenstandslose Bilder aufstellen wie man will, und das Bild wird nicht in Widerspruch zu ihnen geraten.
Es ist nur Struktur/Komposition. Es entspricht demnach nur dem „Ich“ des Malers. Wenn es denn Verkündigung einer Person sein soll, dann kann es nur die embryonale Person sein. Und tatsächlich definiert es sich in seinen Anfängen als Suche nach Identität, die ja tatsächlich abhanden gekommen ist und neu gegründet sein will. Es wird die Burg innerhalb des Malers als Identität stiftend erhalten. Dabei geht das Gegenüber verloren.
Das verkündende der abstrakten, der gegenstandslosen Kunst lautet: Ich kann Dich nicht sehen und ich weiß nicht ob ich bin.
Das ist die Ganzheit der Maler, deren Sehnsucht auf Stärke und Geschlossenheit geht. Sie übersehen die Teilhaftigkeit des einzelnen durch die Burg.
Sie wollen gerne weiter Burgherrenbilder malen, wichtig sein im Bezug auf einen Mythos und der Repräsentanz von Souveränität gegenüber Gültigkeit besitzen.
Das Wesen
Die Burg selbst scheint das Wesen zu sein, und sie folgte dem Stammeszusammenhang. Geht man die Ahnengalerie immer weiter zurück wird man schließlich auf die Totenmaske (Aha, das erste Abbild) stoßen, und damit zu sehen bekommen, worauf der Burgherr die ganze Zeit schauen musste, um die Identität der Burg gewährleisten zu können, und welchen Blick der Kapitalist den Burgbewohnern verstellt, indem er sein Abbild aufhängt.
Der Stamm besteht aus „Ich“, „Du“ und „Zusammenhang“. Das „Ich“ findet für den Stamm in der Rolle des kundigen statt (Priester, Medizinmann, Fährtensucher...). Das Du findet für den Stamm im Häuptling statt, und der Weltzusammenhang ist das auf die beiden identifiziert sein aller im Ganzen. Das Ganze ist die Unendlichkeit der Welt außerhalb des Stammes. Der Kundige blickt deutend nach vorne, aus dem Stamm heraus um Möglichkeit zu finden, der Herrscher steht neben Kundigen, Blickt den Stamm an, und alle im Stamm sind sie selbst nur gegenüber dem Herrscher. Der Herrscher bindet die Herde zusammen und der Kundige führt sie an. Der Kundige und der Herrscher sehen sich nicht. Der Herrscher ist un-vor-sichtig und der Kundige ist rück-sichts-los . Das Gegenüber, vor dem der Stamm als Einigkeit lebendig ist ist der Weidegrund. Die Identität des Urstammes ist die Identität der Landschaft. Die Transzendenz liegt im Einssein des Stammes mit der Ganzheit der sich erschließenden Welt. . Der Stamm und das Land sind die Ganzheit des Stammes. Die Begegnung des Urstammes mit einem zweiten Urstamm stellt den Kundigen des einen Urstammes mit dem des zweiten Urstammes gegenüber. Der Kundige erfährt dadurch, dass das Ganze nicht das Ganze ist, sondern Entsprechung hat, die Herrscher sehen einander nicht, da sie nur auf ihren Stamm bezogen sind, sie sind nur ihrem Stamm gegenüber existent, sie wissen nicht, dass ihnen ein zweites Volk gegenübersteht, die Völker fallen übereinander her. Es entsteht großes Durch-einander. Die Ganzheit begegnet einer Ganzheit und damit halbiert sich das Absolute. Weil es kein halbes absolutes gibt entsteht die Notwendigkeit, Identität festzulegen, anstatt sie einfach oder selbstverständlich zu haben. Hier kommt das erste Burgbild: zwei Menschen treffen einander, und bekommen Kinder. Sofort verwandeln sie sich in ein Burgwesen. Einer schaut nach vorn, wo es was zu essen gibt, einer zurück, und hält die Brut in Schach. Das Wesen des Burgwesens entspricht so ganz dem der Familie. Einer hält, was ihm entgegenkommt für das Ganze und sieht nicht was hinter ihm los ist, und einer hält was ihm folgt für das Ganze, und sieht nicht wo es herkommt, einer erkundet, einer beherrscht. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten der Begegnung: Zwei Frauen treffen einander und erkennen sich. Das ergibt Erkenntnis ohne Fruchtbarkeit, das ist die Liebe als reine Möglichkeit.
Zwei Männer treffen einander: Da wird der eine den anderen erschlagen und die Frau, die er nicht kennt in sein Burgwesen einsortieren, oder die Männer setzen sich ans Feuer und erzählen sich Geschichten, die Männer führen Kriege und die Frauen bewachen das Feuer, dann bleiben die Frauen der unsichtbare Fruchtbarkeitsmotor der die Burg durch die Welt schiebt. Das ist die mächtige Burg. In ihr ist alles festgelegt, und sie trägt das Feuer.
Oder ein Mann trifft eine Frau, dann gibt es den Moment des Erkennens, und kaum hat man einander erkannt wird man füreinander unsichtbar und ist nur noch Burg. Das ist die selbstverständliche Burg. Es gibt in ihr das Wissen über ihren Ursprung, sie versteht sich selbst. Ihr Kundschafter weiß um die Macht und die Macht weiß um die Kunde.
Der Mensch als Individuum verliert seine Identität also in der ersten Begegnung von Menschen und verschwindet in einem Wesen indem er über seine Funktion für das Wesen identifiziert ist, in der Familie, in der Burg, im Gemeinwesen. Im ersten Bild stehen zwei Frauen einander gegenüber und verwechseln sich zum Ganzen. Sie meinen miteinander das Ganze zu sein. Im zweiten Bild sind zwei Männer auf Liebe und Tod verbunden, die Frauen sind unsichtbar und funktionieren. Die Männer denken, dass sie die ganze Möglichkeit sind, und in der Macht ganz werden können und verwechseln das Ganze mit ihrer Burg. Im dritten Bild erkennen Mann und Frau einander, und wissen, dass sie nicht sind, was sie sind. Das erste Bild ist ein Zusammenhang, eine Erzählung.
Das zweite Bild ist das Bild expandierender Macht ohne Erkenntnis, ist ein wütender Mann, ein „Du“.
Das dritte Bild ist das Bild des verlorenen Menschen, das Wissen von Unmöglichkeit und Notwendigkeit des Ganzen. Das dritte Bild ist das „Ich“ des Autors.
Jetzt können wir Bibel lesen, und es ist ganz einfach: Nimm ein Blatt Papier, und zeichne auf eine Hälfte einen Mann, auf die andere Hälfte eine Frau. Dreh das Blatt um und zeichne hinter die Frau einen Mann, und hinter den Mann eine Frau. Falte es einmal in der Mitte und Du hast ein Buch. Jetzt hast Du ein Buch, und Du kannst es drehen und wenden wie Du willst, es kommt immer die Bibel dabei raus. Der Weg des Menschen durch den Menschen zum Menschen. Die Geschichte, wie eines indem es zwei geworden ist zu seinem Gegenüber wird. Das ist das Buch, das Geschriebene, und der darin beschriebene Weg führt vom Abbild durchs Ebenbild zum Bild. (Steht ganz am Anfang, in der kurzen Beschreibung, wie die Menschen Mensch wurden, bevor sie Burgwesen wurden). Die Existenz des Buches und Die Existenz der Sprache ist das Zeichen, das wo immer man ist die Wahrheit schon da ist, und man sie finden kann.
Im Anfang geht die Linie los und beschreibt die Fläche, die Fläche entfaltet sich in den Raum. Der Raum entfaltet sich in Bildern. Wer zurückschaut ist noch eingebildet und legt sich fest, wer vorausschaut bildet sich aus. Das Zeichen dafür, dass im Raum nichts verloren geht sind einander liebende Frauen. Sie waren von Anfang an unmöglich, sie knutschen trotzdem im Park. Das Zeichen dafür, das es immer ein vor und ein zurück gibt sind die Kapitalisten, sie leben wie die Ungeborenen und verwechseln sich mit der Ganzheit der Welt.
Wenn man vom Ganzen zur Vielfalt gekommen ist, kommt man überall hin, es ist dann vermessen, einfältig zu sein, wer einfältig ist denkt, er wäre das Ganze alleine, er soll sich erklären.
Das mit den Bildern ist im Großen und Ganzen ganz einfach, wenn man weiß, wo vorne und hinten ist, bei oben und unten gilt es zu differenzieren.
Wer auf die Macht schaut findet sich reich und alleine.
Wer auf die Möglichkeit schaut findet sich in Erkenntnis und Arbeit.
Wer aufs Unmögliche schaut findet die Liebe.
Den ganzen Menschen findet man gegenüber, wenn da keiner ist, dann kann man ihn malen.
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Mein Burgfrauenbild
Oder:
Gebrauchsanweisung für die ganze Kunst
Oder:
Die halbe Wahrheit über Bilder
Im Großen und Ganzen lassen sich alle Bilder erschließen, wenn man weiß wo vorne und hinten ist.
Mit Sorgfalt
Das Bild
Das Bild begleitet den Menschen seit Jahrtausenden, und vieles von dem, was wir über Menschen wissen, oder zu wissen glauben, die vor uns gelebt haben, erfahren wir durch die von ihnen zurückgelassenen Bilder. Es scheint etwas zu geben, das Bild und Mensch verbindet.
In dem Moment, in dem der Mensch sich bewusst wird, dass er wahrnimmt, fängt er an zu malen, und damit fängt er an, sich mit seiner Wahrnehmung verfügbar zu machen. Im Bild verkündet sich der Mensch als Individuum, er erweitert seine reelle Sichtbarkeit um seine wesenhaft bedingte Sichtbarkeit.
Kunst kommt von künden: das Bild ist eine Verkündigung des Malers.
Phantasie heißt sichtbar machen: Das Bild macht den Wesenszusammenhang des Malers sichtbar. Allgemein gültiger Identitätszusammenhang ist, als einer unter mehreren sich einer Wirklichkeit gegenüber zu befinden. Das galt für den Höhlenmaler und das gilt auch für uns.
Ein Bild, das eine Kunde des Malers sichtbar macht wird also ein Ich, ein Gegenüber und eine Wirklichkeitssicht enthalten, um einem anderen zugänglich zu werden.
Diese Gebrauchsanweisung soll dabei helfen, diese in Bildern zu finden, und so das Verkündende des Bildes verständlich zu machen.
Als stillstehendes beansprucht das Bild Gültigkeit im bewegten Leben. Das Bild ist also auch eine Feststellung. Wahrgenommenes wird in ihm festgestellt, und gegenüber dem bewegten Leben für gültig erklärt.
Das Bild, von dem ich ausgehe, zeigt einen tätigen in eine Strukturiertheit eingebundenen Menschen.
Um ein Bild zu verstehen sollte es als Ergebnis des Erkenntnisweges eines Malers gesehen werden. Was zu sehen ist hat der Maler so festgestellt, und wenn es für einen anderen Menschen Bedeutung ermöglichen soll, wird es in der Wesensverbindenden Form des „Ich-Du-Weltzusammenhang“ formuliert sein.
Das aufs Bild gebrachte ist etwas, was der Maler aus dem „Sich der Wirklichkeit gegenüberstellen“ erfährt, in sich und im Dialog mit dem werdenden Bild deutet, und erst offenbart, wenn er es für gültig erklärt.
Die auf dem Bild auftauchenden Figuren hat man sich dem Maler gegenüber vorzustellen. Ob, wie und als was ein Gegenüber wahrgenommen werden kann zeigt sich daher in den Figuren. Wie die Welt sich ordnet, wie die Wirklichkeitszusammenhänge gedeutet und festgelegt werden zeigt sich im Geschehen, in der Darstellung. Der Maler selbst, das „Ich“ erscheint in der Komposition, in der Strukturiertheit, im Raum des Bildes. Das „Ich“ ist die Verfasstheit des Raumes in uns, mit dem wir der Welt begegnen. Es ist der innere Kosmos, der Anspruch auf äußere Gültigkeit erhebt.
Die Bedingtheit des Ich liegt in der Transzendenz, und damit außerhalb der Zeitdauervorstellung. Die Bedingtheit des „Du“ formuliert sich als Erkennen in der Zeitdauervorstellung. Die Bedingtheit des Geschehens ist die Lesbarkeit. Das Geschehen wird Erzählung durch den Bezug auf einen kulturellen Zusammenhang, dadurch, dass es im Vorstellungskontext Sichtbarkeit erlangt.
Durch den Stillstand des Bildes werden diese drei Zeitebenen, Unendlichkeit, erlebbare Zeit und der Vorstellung verfügbare Zeit in einem Gegenstand zusammengefasst. Da diese Zeitebenen mit den sie betreffenden Wirklichkeiten auch Grundbedingungen des Individuums sind ergibt sich die Sonderrolle, die das Bild unter den Gegenständen einnimmt. Es ermöglicht eine Interpretation, die ansonsten nur einem Mitmenschen gegenüber angemessen ist. Es steht für Individualität.
Das Abbild
Das Abbild ist ein Gegenteil des Bildes. Das Wesentliche am Bild sind Erkenntnis und Wahrnehmung. Das Wesentliche am Abbild sind Entsprechung und Behauptung. Das Abbild sagt, es wäre etwas, was es nicht ist. Daher rührt der Widerwille gegen das Fotografiert werden bei Völkern, die in einem anderen Kulturzusammenhang als dem modernen leben.. Das Abbild ist etwas, was von etwas an sich ganzem weggenommen wird. Eine Eigenschaft des Abbildes ist es, etwas dem unteilbaren Individuum gehörendes außerhalb des Kontrollbereiches des Individuums präsent werden zu lassen. Die Abbildung macht das Individuum verfügbar für Zwecke, die nicht seiner Kontrolle unterliegen. Die Abbildung kann dem Individuum aber auch Präsenz an Orten verleihen ohne anwesend zu sein.
Die Haupteigenschaften der Abbildung sind Behauptung, Verfügbarkeit und Zeugnis.
Das Abbild kann die Trophäe des Seelenjägers sein (Wenn er heimlich Eingeborene fotografiert, wenn er Prominente beim Nacktbaden erwischt..), das Abbild kann der Verfügbarkeit von gemachtem dienen (Wenn man z.B. etwas aus einem Katalog bestellt). Das Abbild kann beweisen, wer die Bank ausgeraubt, die Kinder verprügelt, die Gefangenen gefoltert hat.
Das Abbild lebt von der Widererkennbarkeit, nicht von der Erkenntnis. Das Abbild ist der Begleiter der Herrschaft. Man findet es auf Münzen, man findet es in Tempeln, man findet es täglich im Präsenzkampf der Mächtigen, man findet unglaublich viele davon in Diktaturen. Macht will immer die Individuen auf ihr Abbild einschwören, ihrem Abbild unterordnen. Macht ersetzt die Erkenntnis durchs Abbild der Macht. Wenn Macht und Erkenntnis verbunden sind ist das ein funktionierender Weg. Der mächtige wird erkannt, eingesetzt, und der Machtbereich nach seinem Bild gestaltet. Daraus können lebendige Hierarchien entstehen, Systeme in denen Erkenntnis und Verantwortlichkeit zusammengehören.
Das Abbild entspricht im Wesentlichen dem Vorurteil. Es steht nicht für Erkenntnis sondern für Widererkennen, und wieder erkennen bedeutet festzulegen in einem definierten Rahmen. Das Abbild sucht nicht die Möglichkeit, sondern ist ein Werkzeug im Wirkbereich von Macht.
Man kann sich das Leben als Gebrauchtwagen vorstellen. Um gewiss zu sein, sich damit auf Reisen begeben zu können empfiehlt es sich, sich ein möglichst genaues Bild vom Zustand und Funktion des Wagens zu machen; auch ist es sinnvoll, will man sich damit in unbekannte Regionen wagen, auf alle möglichen Unfälle und Reparaturen vorbereitet zu sein. Dafür sind Abbildungen, Kataloge und Berichte der Vorbesitzer sicher von großem Nutzen.
Das „Wohin“ ist die Malerfrage, und es ist mit diesem Auto möglich, die erstaunlichsten Gefilde zu erreichen. Es empfiehlt sich, will man nicht stecken bleibe, sich im Kreise fahrend verlieren oder schreckliche Unfälle bauen, den Weg mit ähnlicher Sorgfalt zu behandeln wie dem Wagen. Wo es um Orientierung geht sind aber andere Karten gefragt als die Servicehefte und die Reiseberichte der Vorgänger. Orientiert man sich an den Abbildungen landet man immer wieder in der Werkstatt, oder immer in der Toskana, im Ferienhaus des Vorbesitzers. Für neue Ziele braucht man Zugang zum Möglichkeitsraum.
Der offene Raum
Der offene Raum ist der Raum, in dem nichts sein muss, aber alles sein kann. Der offene Raum ist der, in dem Lebendiges sich findet und nicht nur entstanden ist. Im offenen Raum zeigt sich durch Erkenntnis neues. Im offenen Raum findet man sich. (Nicht ohne sich vorher verloren zu haben). Im offenen Raum gibt alles einander Bedeutung, da dort alle Beziehung Erkenntnis ist. Der offene Raum ist vorläufig (da er nicht rückläufig ist). Der offene Raum ist differenziert (da er nicht vereinheitlicht ist) Der offene Raum ist Präsent und präsent und präsentiert sich. (ist das geschenkte gegenwärtig anwesende das sich zeigt). Der offene Raum ist die Möglichkeit des Gestaltens aus Erkenntnis und damit der Möglichkeitsraum, der Raum erkennender handelnder Freiheit. Der offene Raum ist die natürliche Heimat des Erkenntnisorientierten Malers. Alleine mit seiner Wahrnehmung vor einer weißen Fläche, und fähig sofort und ohne Absprachen oder große Vorbereitungen im Bild zu handeln, ist eine ideale Vorraussetzung, um im offenen Raum erkanntes öffentlich werden zu lassen.
Der offene Raum entfaltet sich durch eine Anschauung, in der alles Festgelegte zu Gegenständen wird, die zur Disposition stehen.
Der geschlossene Raum
Der geschlossene Raum ist der gewordene. Der geschlossene Raum ist bekannt, und in ihm gibt es Orientierung. Im geschlossenen Raum herrschen Gesetze und Regeln, die auf Erfahrung gründen. Im geschlossenen Raum wurde man gezeugt um in den geschlossenen Raum hineingeboren zu werden, um im geschlossenen Raum einen geschlossenen Raum zu bekommen, und dann, mit anderen, immer größere Räume zu bauen und damit zu schließen. Der geschlossene Raum ist erfüllt von einer seltsamen Sicherheit, nur weil er ist trägt er immer die Behauptung des ganzen Raumes in sich. Das Bemühen des geschlossenen Raumes ist es, jedes menschliche Erkenntnisstreben mit einer in ihm vorhandenen Antwort zu beantworten. Alle Antworten die es im Geschlossenen Raum gibt sind Repräsentanten des geschlossenen Raumes, und damit Abbilder.
Hier scheiden sich die Formen der Bebilderung, hier stellt sich eine Frage nach dem Selbstverständnis des Malers. Seine Bilder begleiten den Raum als Repräsentanten von Wahrnehmung. Er kann sich verbünden mit der Erkenntnis und malen, was wahrnehmbar ist, oder er kann sich verbünden mit der Macht, und malen, was wahrzunehmen erlaubt, ziemlich, ist. Er kann die Strukturiertheit des geschlossenen Raumes als Maßstab seiner Komposition, seines „Ich“, nehmen, oder er kann in der Fühligkeit des offenen Raumes Komposition und „Ich“ finden. Er kann das Gegenüber in der Rolle, als Funktionär des geschlossenen Raumes, oder in der Möglichkeit, als sich aus offener Zukunft in die Sichtbarkeit hineinbildendes Wesen, finden und formulieren. Er kann die Erzählung auf die Selbstdefinition des geschlossenen Raumes beschränken, und er kann die Erzählung auf einer Möglichkeitsperspektive fußen, in der ein Mensch mit Bildverständnis den geschlossenen Raum vielleicht gerade noch als Semikolon im Nebensatz einer großen Geschichte wieder finden kann. Mit Individualität, Wahrnehmung und Perspektive arbeitet der Maler an einem Gegenüber zum geschlossenen Leben, und daher rührt die Wichtigkeit, die wir ihm beimessen, wenn wir versuchen andere Zeiten, andere Kulturen, zu verstehen.
Wir sehen die Bilder nicht als Abbildungen, sondern als Übersetzungen menschlicher Verhältnisse: zum „Ich“, zum „Du“, zur Macht, zum Ganzen (Gott,Sinn...)
Bilder sind Kulturell nur übersetzbar, wenn sie die „Ich“, die „Du“ und die „Geschehen“ Ebene aufweisen, wobei das Geschehen auch in der Präsenz des Gegenüber liegen kann. Ansonsten sind sie nicht aus der menschlichen Individualität, sondern nur im Zusammenhang zugänglich. Es sind dann keine eigenständigen Werke. Das im Bild nicht formulierte wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Es wird also von einer verbindlichen und nicht von einer Erkenntnisgeprägten Wahrnehmung ausgegangen, wenn ein Maler Teile der Form nicht formuliert. Daher ist das nicht formulierte immer Teil eines geschlossenen Raumes.
Die Burg
Die Burg ist die Form des geschlossenen Raumes. Die Burg ist stark, begrenzt und beherrscht. Die Burg erhebt den Anspruch der Ganzheitlichkeit. Die Burg ist eine Machtvorstellung, die sich dadurch realisiert, dass ihre Regeln befolgt werden. Eine Burg entlarvt man am besten in ihren Gesetzen, die nie die Erkenntnismöglichkeit schützen, sondern immer die Machtinteressen. Das Bild in der Burg ist das Abbild der Burgherrin. Es gibt in der Burg keinen Möglichkeitsraum, außer durch die Dynastie der Burgherren, die absolut herrscht. Daher ist es für den Maler sehr real, sehnt er sich denn nach dem Möglichkeitsraum, den Abbildungswunsch der Burgherren in einer Weise zu erfüllen, die ihm die Anerkennung der Herrschaft bringt. So kann er sich aus dem ihn beherrschenden geschlossenen Raum der Burg herausmalen, in eine Welt andere Möglichkeit, das vorher absolute wird ihm zum Gegenüber, beziehungsweise zum Gegenstand.
Das Bild des Burgherren, das die Möglichkeit des Malers gewesen ist, ist seine Chance vom Teil der Burg zur Person, zum Individuum mit Möglichkeitsraum zu werden. Das Bild des Malers zeigt das Abbild der Burgherren. Für alle in der Burg stellt es die Möglichkeit dar, für den Burgherren, dessen Abbild es ist, stellt es nichts dar, er schaut auf das Bild seines Vorgängers, denn daher hat er Möglichkeit bekommen. Das Abbild des Burgherren ist der letzte Teil der Ahnengalerie, und schon für den Nachfolger des Burgherren gemacht. Es ist gemalt für den Mythos der Burg, um den jeweils herrschenden Burgherren in der Vergangenheit zu verankern. Und durch Dauerhaftigkeit des Mythos dessen Stärke zu demonstrieren, und den neuen Herrscher an die alte Herrschaft zu binden. Die Burg selber ist das Individuum, das “Ich“. Der Burgherr ist das Gegenüber der Bewohner, das „Du“ innerhalb der Burg, und die Ahnengalerie der Mythos. Der Mythos ist die Transzendenz. Die Burg wächst durch die Arbeit der Bewohner in dem Raum, der den Burgherren auf den Gründer der Burg bezieht. Das Bild des Burgherren ist immer die Ergänzung des der Burg Individualität entgegenstellenden Bildes. Ein Abbild ist das Bild der Burgherren nur für diejenigen in der Burg, die ihn loswerden wollen, um ihn durch sich zu ersetzen, so wird der Tyrannenmord zum Begleiter des Mythos.
Der Sturz der Burg durch den Händler
Der Händler macht sich alles zum Gegenstand. Er wertet auf und er wertet ab, und daraus entsteht sein Reichtum. Er kennt viele Burgen, und er weiß um die Relativität der Gültigkeit der Bilder. Er weiß Bilder von großer Reichweite von Bildern von kleiner Reichweite zu unterscheiden, er kann die Macht eines Herrschaftsbereiches einschätzen, und sich zu ihr in Relation setzen. Der Händler gehört keiner Burg an, er bewegt sich auf der ganzen Welt. Er verhandelt mit völlig verschiedenen Gegenübern Wertigkeiten und Risiken. Er agiert wie ein Schauspieler, indem er lernt die Rolle der Figur in verschiedenen Burgen/Identitäten anzunehmen. Er erlangt Reichtum und Macht durch seine Aktivitäten, doch fehlt ihm die identifizierende Gültigkeit. Er hat zu nichts ein Respektsverhältnis (respectare: zurückschauen), er hat keine kulturelle Einbindung, die ihm Rücksicht sinnvoll erscheinen lässt. Seine Vergangenheit ist verwandelt in Reichtum und Macht. Seine Perspektive ist das machbare. Er ist so lange Rücksichtsvoll, wie es ihm sinnvoll erscheint, um aus einem Spiel mit auf und abwerten von Dingen und Menschen Gewinn zu ziehen. Dieser Gewinn begründet die Macht des Händlers, und ihn setzt er ein, um immer mehr Burgen in ein Schuldverhältnis ihm gegenüber zu treiben. Er kolonialisiert. (Colonia: die Pflanzstadt, von colere: hegen, pflegen, abwarten). Er hegt nicht und pflegt nicht und wartet nicht ab, sondern er fordert Tribut.
Jetzt ist er nicht mehr Händler, sondern Kapitalist. Jetzt setzt er seine Macht ein, indem er Abhängigkeit und Entwertung betreibt, und sofort funktioniert es wie ein Kettenbriefspiel, und die Macht des Kapitalisten nimmt unglaublich schnell zu. Er respektiert keine Werte, sondern nur die Verwertung, und wo er auftritt verwandelt sich alles von Kulturzusammenhängen in Verwertungszusammenhänge.
Er hat die Macht in der Burg übernommen, lässt sich malen, und hängt sein Abbild hinter seinen Schreibtisch.
Sein Bild löst das Burgherrenbild ab. Das Burgherrenbild war aber Teil des Mythos der Burg, und damit ein Identitätsbild mit „Ich“, „Du“ und „Geschehen“ Darstellung.
Das Abbild des Kapitalisten ist kein Identitätsbild, und so enden Mythos und Identität der Burg.
Der Kapitalist hat kein Gegenüber, da das den Respekt voraussetzten würde, sein Geschehen ist das Wachsen seines Reichtums, das hält er für seinen persönlichen Mythos, sein „Ich“ ist ein Zerrspiegel, der was auf ihn zukommt verkleinert, und was von ihm weggeht vergrößert. Die Identität des Kapitalisten ist keine Identität eines Menschen, sondern die eines Apparats; und zwar eines recht bedenklichen Apparats, er macht alles, was ihm nicht zugehörig ist klein und alles, was ihm zugehörig ist verwandelt er in eine Erweiterung des Apparats.
Das Abbild des Kapitalisten steht für die Behauptung der Fortführung von Herrschaft. Es hat sich aber nur die Macht des Kapitalisten als der Macht des Burgherren überlegen erwiesen, es ging um ein Kräftemessen in dessen Verlauf die Identität der Burg zerfiel, die Herrschaft hat, anders als die Macht, Identität bildend zu sein, und sie landet nicht beim Kapitalisten, sondern sie steht zur Disposition.
Beim Fall der Burg zerfällt ein Individuum in seine Aspekte, und mit dem Individuum zerfällt auch das Bild..
Es zerfällt in den Mythos, die in der Vergangenheit verankerte Erzählform des Burgbildes, und landet damit, nach einer Zeit der Differenzierung in einer Wirklichkeit, in der es kein „Ich“ und kein „Du“ gibt, bei der völligen Entwertung gegenwärtiger Menschen vor der einzigen Gültigkeit des Mythos. Das wird die Blut und Bodenmalerei des Faschismus.
Er zerfällt in den Sozialistischen Realismus, in dem es kein „Ich“ gibt, sondern die „Duheit „ aller Menschen als Bedingung der Erzählung definiert ist, hier ist der Einzelne Fortsetzung des Klassenkampfes, und kein Individuum.
Und er zerfällt in die gegenstandslose Malerei, in der es kein Gegenüber und keine Zugänglichkeit der Erzählung gibt.
Abstraktion (abstrahere: abziehen, wegnehmen) taucht als Bezeichnung einer Gegenstandslosen Malerei auf. Abgezogene Kunst, oder der Kunde beraubte Kunst, jedenfalls etwas, das nicht offenbart, was es ist, sondern nur zeigt: es ist etwas anderes. Es ermöglicht nicht aufs Individuum bezogene Interpretation. Man kann Behauptungen über Gegenstandslose Bilder aufstellen wie man will, und das Bild wird nicht in Widerspruch zu ihnen geraten.
Es ist nur Struktur/Komposition. Es entspricht demnach nur dem „Ich“ des Malers. Wenn es denn Verkündigung einer Person sein soll, dann kann es nur die embryonale Person sein. Und tatsächlich definiert es sich in seinen Anfängen als Suche nach Identität, die ja tatsächlich abhanden gekommen ist und neu gegründet sein will. Es wird die Burg innerhalb des Malers als Identität stiftend erhalten. Dabei geht das Gegenüber verloren.
Das verkündende der abstrakten, der gegenstandslosen Kunst lautet: Ich kann Dich nicht sehen und ich weiß nicht ob ich bin.
Das ist die Ganzheit der Maler, deren Sehnsucht auf Stärke und Geschlossenheit geht. Sie übersehen die Teilhaftigkeit des einzelnen durch die Burg.
Sie wollen gerne weiter Burgherrenbilder malen, wichtig sein im Bezug auf einen Mythos und der Repräsentanz von Souveränität gegenüber Gültigkeit besitzen.
Das Wesen
Die Burg selbst scheint das Wesen zu sein, und sie folgte dem Stammeszusammenhang. Geht man die Ahnengalerie immer weiter zurück wird man schließlich auf die Totenmaske (Aha, das erste Abbild) stoßen, und damit zu sehen bekommen, worauf der Burgherr die ganze Zeit schauen musste, um die Identität der Burg gewährleisten zu können, und welchen Blick der Kapitalist den Burgbewohnern verstellt, indem er sein Abbild aufhängt.
Der Stamm besteht aus „Ich“, „Du“ und „Zusammenhang“. Das „Ich“ findet für den Stamm in der Rolle des kundigen statt (Priester, Medizinmann, Fährtensucher...). Das Du findet für den Stamm im Häuptling statt, und der Weltzusammenhang ist das auf die beiden identifiziert sein aller im Ganzen. Das Ganze ist die Unendlichkeit der Welt außerhalb des Stammes. Der Kundige blickt deutend nach vorne, aus dem Stamm heraus um Möglichkeit zu finden, der Herrscher steht neben Kundigen, Blickt den Stamm an, und alle im Stamm sind sie selbst nur gegenüber dem Herrscher. Der Herrscher bindet die Herde zusammen und der Kundige führt sie an. Der Kundige und der Herrscher sehen sich nicht. Der Herrscher ist un-vor-sichtig und der Kundige ist rück-sichts-los . Das Gegenüber, vor dem der Stamm als Einigkeit lebendig ist ist der Weidegrund. Die Identität des Urstammes ist die Identität der Landschaft. Die Transzendenz liegt im Einssein des Stammes mit der Ganzheit der sich erschließenden Welt. . Der Stamm und das Land sind die Ganzheit des Stammes. Die Begegnung des Urstammes mit einem zweiten Urstamm stellt den Kundigen des einen Urstammes mit dem des zweiten Urstammes gegenüber. Der Kundige erfährt dadurch, dass das Ganze nicht das Ganze ist, sondern Entsprechung hat, die Herrscher sehen einander nicht, da sie nur auf ihren Stamm bezogen sind, sie sind nur ihrem Stamm gegenüber existent, sie wissen nicht, dass ihnen ein zweites Volk gegenübersteht, die Völker fallen übereinander her. Es entsteht großes Durch-einander. Die Ganzheit begegnet einer Ganzheit und damit halbiert sich das Absolute. Weil es kein halbes absolutes gibt entsteht die Notwendigkeit, Identität festzulegen, anstatt sie einfach oder selbstverständlich zu haben. Hier kommt das erste Burgbild: zwei Menschen treffen einander, und bekommen Kinder. Sofort verwandeln sie sich in ein Burgwesen. Einer schaut nach vorn, wo es was zu essen gibt, einer zurück, und hält die Brut in Schach. Das Wesen des Burgwesens entspricht so ganz dem der Familie. Einer hält, was ihm entgegenkommt für das Ganze und sieht nicht was hinter ihm los ist, und einer hält was ihm folgt für das Ganze, und sieht nicht wo es herkommt, einer erkundet, einer beherrscht. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten der Begegnung: Zwei Frauen treffen einander und erkennen sich. Das ergibt Erkenntnis ohne Fruchtbarkeit, das ist die Liebe als reine Möglichkeit.
Zwei Männer treffen einander: Da wird der eine den anderen erschlagen und die Frau, die er nicht kennt in sein Burgwesen einsortieren, oder die Männer setzen sich ans Feuer und erzählen sich Geschichten, die Männer führen Kriege und die Frauen bewachen das Feuer, dann bleiben die Frauen der unsichtbare Fruchtbarkeitsmotor der die Burg durch die Welt schiebt. Das ist die mächtige Burg. In ihr ist alles festgelegt, und sie neigt dazu zu explodieren.
Oder ein Mann trifft eine Frau, dann gibt es den Moment des Erkennens, und kaum hat man einander erkannt wird man füreinander unsichtbar und ist nur noch Burg. Das ist die selbstverständliche Burg. Es gibt in ihr das Wissen über ihren Ursprung, sie versteht sich selbst. Ihr Kundschafter weiß um die Macht und die Macht weiß um die Kunde.
Der Mensch als Individuum verliert seine Identität also in der ersten Begegnung von Menschen und verschwindet in einem Wesen indem er über seine Funktion für das Wesen identifiziert ist, in der Familie, in der Burg, im Gemeinwesen. Im ersten Bild stehen zwei Frauen einander gegenüber und verwechseln sich zum Ganzen. Sie meinen miteinander das Ganze zu sein. Im zweiten Bild sind zwei Männer auf Liebe und Tod verbunden, die Frauen sind unsichtbar und funktionieren. Die Männer denken, dass sie die ganze Möglichkeit sind, und in der Macht ganz werden können und verwechseln das Ganze mit ihrer Burg. Im dritten Bild erkennen Mann und Frau einander, und wissen, dass sie nicht sind, was sie sind. Das erste Bild ist ein Zusammenhang, eine Erzählung.
Das zweite Bild ist das Bild expandierender Macht ohne Erkenntnis, ist ein wütender Mann, ein „Du“.
Das dritte Bild ist das Bild des verlorenen Menschen, das Wissen von Unmöglichkeit und Notwendigkeit des Ganzen. Das dritte Bild ist das „Ich“ des Autors.
Jetzt können wir Bibel lesen, und es ist ganz einfach: Nimm ein Blatt Papier, und zeichne auf eine Hälfte einen Mann, auf die andere Hälfte eine Frau. Dreh das Blatt um und zeichne hinter die Frau einen Mann, und hinter den Mann eine Frau. Falte es einmal in der Mitte und Du hast ein Buch. Jetzt hast Du ein Buch, und Du kannst es drehen und wenden wie Du willst, es kommt immer die Bibel dabei raus. Der Weg des Menschen durch den Menschen zum Menschen. Die Geschichte, wie eines indem es zwei geworden ist zu seinem Gegenüber wird. Das ist das Buch, das Geschriebene, und der darin beschriebene Weg führt vom Abbild durchs Ebenbild zum Bild. (Steht ganz am Anfang, in der kurzen Beschreibung, wie die Menschen Mensch wurden, bevor sie Burgwesen wurden). Die Existenz des Buches und Die Existenz der Sprache ist das Zeichen, das wo immer man ist die Wahrheit schon da ist, und man sie finden kann.
Im Anfang geht die Linie los und beschreibt die Fläche, die Fläche entfaltet sich in den Raum. Der Raum entfaltet sich in Bildern. Wer zurückschaut ist noch eingebildet und legt sich fest, wer vorausschaut bildet sich aus. Das Zeichen dafür, dass im Raum nichts verloren geht sind einander liebende Frauen. Sie waren von Anfang an unmöglich, sie knutschen trotzdem im Park. Das Zeichen dafür, das es immer ein vor und ein zurück gibt sind die Kapitalisten, sie leben wie die Ungeborenen und verwechseln sich mit der Ganzheit der Welt.
Wenn man vom Ganzen zur Vielfalt gekommen ist, kommt man überall hin, es ist dann vermessen, einfältig zu sein, wer einfältig ist denkt, er wäre das Ganze alleine, er soll sich erklären.
Das mit den Bildern ist im Großen und Ganzen ganz einfach, wenn man weiß, wo vorne und hinten ist, bei oben und unten gilt es zu differenzieren.
Wer auf die Macht schaut findet sich reich und alleine.
Wer auf die Möglichkeit schaut findet sich in Erkenntnis und Arbeit.
Wer aufs Unmögliche schaut findet die Liebe.
Den ganzen Menschen findet man gegenüber, wenn da keiner ist, dann kann man ihn malen.
Eine Linie definiert sich in ihren Enden und Windungen.
Ein Raum ist die Ganzheit seiner Definition.
3
Mein Burgfrauenbild
Oder:
Gebrauchsanweisung für die ganze Kunst
Oder:
Die halbe Wahrheit der Bilder
Im Großen und Ganzen lassen sich alle Bilder erschließen, wenn man weiß wo vorne und hinten ist, bei oben und unten gilt es zu differenzieren..
Zur Vielfalt
Als Kind wohnte ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern. Wir waren viele und es war immer viel los. Aber wir waren nicht die einzigen, die da wohnten, da waren auch noch die Bilder. Ein Bild hing groß und dominant im Wohnzimmer. Ich habe mich vermutlich immer gefragt, was das ist. Ein Dunkles Bild in einem schwarzen Rahmen darauf ein Frauenkopf, der auf einem unsichtbaren, auch finsteren Körper sitzt. Es war immer das Bild einer Gefangenen, die mit einer erstaunlichen Gefasstheit ihre Gefangenschaft täglich wieder präsentierte.
Jeder kennt die Geschichte von dem, der die Prinzessin zum Lachen bringt, der darf sie behalten. Das war mein Spiel mit dem Burgfrauenbild, vermutlich bin ich deswegen Maler geworden. Sie war nichts was ich war, sie lebte einfach bei uns, sie forderte mich heraus und wir haben uns immer gut unterhalten, das Bild und ich.
Jetzt bin ich erwachsen, lebe mit meiner Familie in unserer Wohnung, und das Bild meiner Burgfrau hängt im Wohnzimmer meiner Familie. Jetzt kann ich unser heimliches Gespräch erzählen, denn jetzt bin ich lange genug Maler um unserer Unterhaltung zu trauen.
Die Fragen des „Wer bin hier eigentlich ich“, und „wer bist hier eigentlich Du“ und „Was ist hier eigentlich los?“ habe ich gerne mit dem Burgfrauenbild besprochen. Heute glaube ich, dass der Maler, der sie damals gemalt hat, sie liebte, er hätte ihr sonst nicht diese ausweglose Gefangenschaft, in der sie doch spricht, gegenübergestellt.
Das Bild
Das Bild begleitet den Menschen seit Jahrtausenden, und vieles von dem, was wir über Menschen wissen, oder zu wissen glauben, die vor uns gelebt haben, erfahren wir durch die von ihnen zurückgelassenen Bilder. Es scheint etwas zu geben, das Bild und Mensch verbindet.
In dem Moment, in dem der Mensch sich bewusst wird, dass er wahrnimmt, fängt er an zu malen, und damit fängt er an, sich mit seiner Wahrnehmung verfügbar zu machen. Im Bild verkündet sich der Mensch als Individuum, er erweitert seine reelle Sichtbarkeit um seine wesenhaft bedingte Sichtbarkeit.
Kunst kommt von künden: das Bild ist eine Verkündigung des Malers.
Phantasie heißt sichtbar machen: Das Bild macht den Wesenszusammenhang des Malers sichtbar. Allgemein gültiger Identitätszusammenhang ist, als einer unter mehreren sich einer Wirklichkeit gegenüber zu befinden. Das galt für den Höhlenmaler und das gilt auch für uns.
Ein Bild, das eine Kunde des Malers sichtbar macht wird also ein Ich, ein Gegenüber und eine Wirklichkeitssicht enthalten, um einem anderen zugänglich zu werden.
Diese Gebrauchsanweisung soll dabei helfen, diese in Bildern zu finden, und so das Verkündende des Bildes verständlich zu machen.
Als stillstehendes beansprucht das Bild Gültigkeit im bewegten Leben. Das Bild ist also auch eine Feststellung. Wahrgenommenes wird in ihm festgestellt, und gegenüber dem bewegten Leben für gültig erklärt.
Das Bild, von dem ich ausgehe, zeigt einen tätigen in eine Strukturiertheit eingebundenen Menschen.
Um ein Bild zu verstehen sollte es als Ergebnis des Erkenntnisweges eines Malers gesehen werden. Was zu sehen ist hat der Maler so festgestellt, und wenn es für einen anderen Menschen Bedeutung ermöglichen soll, wird es in der Wesensverbindenden Form des „Ich-Du-Weltzusammenhang“ formuliert sein.
Das aufs Bild gebrachte ist etwas, was der Maler aus dem „Sich der Wirklichkeit gegenüberstellen“ erfährt, in sich und im Dialog mit dem werdenden Bild deutet, und erst offenbart, wenn er es für gültig erklärt.
Die auf dem Bild auftauchenden Figuren hat man sich dem Maler gegenüber vorzustellen. Ob, wie und als was ein Gegenüber wahrgenommen werden kann zeigt sich daher in den Figuren. Wie die Welt sich ordnet, wie die Wirklichkeitszusammenhänge gedeutet und festgelegt werden zeigt sich im Geschehen, in der Darstellung. Der Maler selbst, das „Ich“ erscheint in der Komposition, in der Strukturiertheit, im Raum des Bildes. Das „Ich“ ist die Verfasstheit des Raumes in uns, mit dem wir der Welt begegnen. Es ist der innere Kosmos, der Anspruch auf äußere Gültigkeit erhebt.
Die Bedingtheit des Ich liegt in der Transzendenz, und damit außerhalb der Zeitdauervorstellung. Die Bedingtheit des „Du“ formuliert sich als Erkennen in der Zeitdauervorstellung. Die Bedingtheit des Geschehens ist die Lesbarkeit. Das Geschehen wird Erzählung durch den Bezug auf einen kulturellen Zusammenhang, dadurch, dass es im Vorstellungskontext Sichtbarkeit erlangt.
Durch den Stillstand des Bildes werden diese drei Zeitebenen, Unendlichkeit, erlebbare Zeit und der Vorstellung verfügbare Zeit in einem Gegenstand zusammengefasst. Da diese Zeitebenen mit den sie betreffenden Wirklichkeiten auch Grundbedingungen des Individuums sind ergibt sich die Sonderrolle, die das Bild unter den Gegenständen einnimmt. Es ermöglicht eine Interpretation, die ansonsten nur einem Mitmenschen gegenüber angemessen ist. Es steht für Individualität.
Das Abbild
Das Abbild ist ein Gegenteil des Bildes. Das Wesentliche am Bild sind Erkenntnis und Wahrnehmung. Das Wesentliche am Abbild sind Entsprechung und Behauptung. Das Abbild sagt, es wäre etwas, was es nicht ist. Daher rührt der Widerwille gegen das Fotografiert werden bei Völkern, die in einem anderen Kulturzusammenhang als dem modernen leben.. Das Abbild ist etwas, was von etwas an sich ganzem weggenommen wird. Eine Eigenschaft des Abbildes ist es, etwas dem unteilbaren Individuum gehörendes außerhalb des Kontrollbereiches des Individuums präsent werden zu lassen. Die Abbildung macht das Individuum verfügbar für Zwecke, die nicht seiner Kontrolle unterliegen. Die Abbildung kann dem Individuum aber auch Präsenz an Orten verleihen ohne anwesend zu sein.
Die Haupteigenschaften der Abbildung sind Behauptung, Verfügbarkeit und Zeugnis.
Das Abbild kann die Trophäe des Seelenjägers sein (Wenn er heimlich Eingeborene fotografiert, wenn er Prominente beim Nacktbaden erwischt..), das Abbild kann der Verfügbarkeit von gemachtem dienen (Wenn man z.B. etwas aus einem Katalog bestellt). Das Abbild kann beweisen, wer die Bank ausgeraubt, die Kinder verprügelt, die Gefangenen gefoltert hat.
Das Abbild lebt von der Widererkennbarkeit, nicht von der Erkenntnis. Das Abbild ist der Begleiter der Herrschaft. Man findet es auf Münzen, man findet es in Tempeln, man findet es täglich im Präsenzkampf der Mächtigen, man findet unglaublich viele davon in Diktaturen. Macht will immer die Individuen auf ihr Abbild einschwören, ihrem Abbild unterordnen. Macht ersetzt die Erkenntnis durchs Abbild der Macht. Wenn Macht und Erkenntnis verbunden sind ist das ein funktionierender Weg. Der mächtige wird erkannt, eingesetzt, und der Machtbereich nach seinem Bild gestaltet. Daraus können lebendige Hierarchien entstehen, Systeme in denen Erkenntnis und Verantwortlichkeit zusammengehören.
Das Abbild entspricht im Wesentlichen dem Vorurteil. Es steht nicht für Erkenntnis sondern für Widererkennen, und wieder erkennen bedeutet festzulegen in einem definierten Rahmen. Das Abbild sucht nicht die Möglichkeit, sondern ist ein Werkzeug im Wirkbereich von Macht.
Man kann sich das Leben als Gebrauchtwagen vorstellen. Um gewiss zu sein, sich damit auf Reisen begeben zu können empfiehlt es sich, sich ein möglichst genaues Bild vom Zustand und Funktion des Wagens zu machen; auch ist es sinnvoll, will man sich damit in unbekannte Regionen wagen, auf alle möglichen Unfälle und Reparaturen vorbereitet zu sein. Dafür sind Abbildungen, Kataloge und Berichte der Vorbesitzer sicher von großem Nutzen.
Das „Wohin“ ist die Malerfrage, und es ist mit diesem Auto möglich, die erstaunlichsten Gefilde zu erreichen. Es empfiehlt sich, will man nicht stecken bleibe, sich im Kreise fahrend verlieren oder schreckliche Unfälle bauen, den Weg mit ähnlicher Sorgfalt zu behandeln wie dem Wagen. Wo es um Orientierung geht sind aber andere Karten gefragt als die Servicehefte und die Reiseberichte der Vorgänger. Orientiert man sich an den Abbildungen landet man immer wieder in der Werkstatt, oder immer in der Toskana, im Ferienhaus des Vorbesitzers. Für neue Ziele braucht man Zugang zum Möglichkeitsraum.
Der offene Raum
Der offene Raum ist der Raum, in dem nichts sein muss, aber alles sein kann. Der offene Raum ist der, in dem Lebendiges sich findet und nicht nur entstanden ist. Im offenen Raum zeigt sich durch Erkenntnis neues. Im offenen Raum findet man sich. (Nicht ohne sich vorher verloren zu haben). Im offenen Raum gibt alles einander Bedeutung, da dort alle Beziehung Erkenntnis ist. Der offene Raum ist vorläufig (da er nicht rückläufig ist). Der offene Raum ist differenziert (da er nicht vereinheitlicht ist) Der offene Raum ist Präsent und präsent und präsentiert sich. (ist das geschenkte gegenwärtig anwesende das sich zeigt). Der offene Raum ist die Möglichkeit des Gestaltens aus Erkenntnis und damit der Möglichkeitsraum, der Raum erkennender handelnder Freiheit. Der offene Raum ist die natürliche Heimat des Erkenntnisorientierten Malers. Alleine mit seiner Wahrnehmung vor einer weißen Fläche, und fähig sofort und ohne Absprachen oder große Vorbereitungen im Bild zu handeln, ist eine ideale Vorraussetzung, um im offenen Raum erkanntes öffentlich werden zu lassen.
Der offene Raum entfaltet sich durch eine Anschauung, in der alles Festgelegte zu Gegenständen wird, die zur Disposition stehen.
Der geschlossene Raum
Der geschlossene Raum ist der gewordene. Der geschlossene Raum ist bekannt, und in ihm gibt es Orientierung. Im geschlossenen Raum herrschen Gesetze und Regeln, die auf Erfahrung gründen. Im geschlossenen Raum wurde man gezeugt um in den geschlossenen Raum hineingeboren zu werden, um im geschlossenen Raum einen geschlossenen Raum zu bekommen, und dann, mit anderen, immer größere Räume zu bauen und damit zu schließen. Der geschlossene Raum ist erfüllt von einer seltsamen Sicherheit, nur weil er ist trägt er immer die Behauptung des ganzen Raumes in sich. Das Bemühen des geschlossenen Raumes ist es, jedes menschliche Erkenntnisstreben mit einer in ihm vorhandenen Antwort zu beantworten. Alle Antworten die es im Geschlossenen Raum gibt sind Repräsentanten des geschlossenen Raumes, und damit Abbilder.
Hier scheiden sich die Formen der Bebilderung, hier stellt sich eine Frage nach dem Selbstverständnis des Malers. Seine Bilder begleiten den Raum als Repräsentanten von Wahrnehmung. Er kann sich verbünden mit der Erkenntnis und malen, was wahrnehmbar ist, oder er kann sich verbünden mit der Macht, und malen, was wahrzunehmen erlaubt, ziemlich, ist. Er kann die Strukturiertheit des geschlossenen Raumes als Maßstab seiner Komposition, seines „Ich“, nehmen, oder er kann in der Fühligkeit des offenen Raumes Komposition und „Ich“ finden. Er kann das Gegenüber in der Rolle, als Funktionär des geschlossenen Raumes, oder in der Möglichkeit, als sich aus offener Zukunft in die Sichtbarkeit hineinbildendes Wesen, finden und formulieren. Er kann die Erzählung auf die Selbstdefinition des geschlossenen Raumes beschränken, und er kann die Erzählung auf einer Möglichkeitsperspektive fußen, in der ein Mensch mit Bildverständnis den geschlossenen Raum vielleicht gerade noch als Semikolon im Nebensatz einer großen Geschichte wieder finden kann. Mit Individualität, Wahrnehmung und Perspektive arbeitet der Maler an einem Gegenüber zum geschlossenen Leben, und daher rührt die Wichtigkeit, die wir ihm beimessen, wenn wir versuchen andere Zeiten, andere Kulturen, zu verstehen.
Wir sehen die Bilder nicht als Abbildungen, sondern als Übersetzungen menschlicher Verhältnisse: zum „Ich“, zum „Du“, zur Macht, zum Ganzen (Gott,Sinn...)
Bilder sind Kulturell nur übersetzbar, wenn sie die „Ich“, die „Du“ und die „Geschehen“ Ebene aufweisen, wobei das Geschehen auch in der Präsenz des Gegenüber liegen kann. Ansonsten sind sie nicht aus der menschlichen Individualität, sondern nur im Zusammenhang zugänglich. Es sind dann keine eigenständigen Werke. Das im Bild nicht formulierte wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Es wird also von einer verbindlichen und nicht von einer Erkenntnisgeprägten Wahrnehmung ausgegangen, wenn ein Maler Teile der Form nicht formuliert. Daher ist das nicht formulierte immer Teil eines geschlossenen Raumes.
Die Flut der auf Gegenstandlosigkeit, Abbildung und Abbildauflösung zurückzuführenden Kunstwerke scheint Ausdruck einer Unbenannten Totalität zu sein, das kokette „ich bin schön“ oder „Ich bin interessant“, der Wunsch nach Gültigkeit und Anerkennung ohne Stellung zu beziehen lässt den Schluss zu, dass der Künstler als Möglichkeit im Raum nur findet: „Gefalle mir, sonst lass ich dich fallen“, gefordert von einer diktatorisch auftretenden Macht, die unerkannt bleiben will, weil sie illegitim ist.
Durch Entwertung verliert der Mensch seine Würde und damit seine Wesenhaft bedingte Sichtbarkeit – ein Mensch hat Würde zu haben, sonst reduziert er sich zu Funktion und Material – und damit verschwindet er auch aus dem Bild.
Die Burg
Die Burg ist die Form des geschlossenen Raumes. Die Burg ist stark, begrenzt und beherrscht. Die Burg erhebt den Anspruch der Ganzheitlichkeit. Die Burg ist eine Machtvorstellung, die sich dadurch realisiert, dass ihre Regeln befolgt werden. Eine Burg entlarvt man am besten in ihren Gesetzen, die nie die Erkenntnismöglichkeit schützen, sondern immer die Machtinteressen. Das Bild in der Burg ist das Abbild der Burgherrin. Es gibt in der Burg keinen Möglichkeitsraum, außer durch die Dynastie der Burgherren, die absolut herrscht. Daher ist es für den Maler sehr real, sehnt er sich denn nach dem Möglichkeitsraum, den Abbildungswunsch der Burgherren in einer Weise zu erfüllen, die ihm die Anerkennung der Herrschaft bringt. So kann er sich aus dem ihn beherrschenden geschlossenen Raum der Burg herausmalen, in eine Welt andere Möglichkeit, das vorher absolute wird ihm zum Gegenüber, beziehungsweise zum Gegenstand.
Das Bild des Burgherren, das die Möglichkeit des Malers gewesen ist, ist seine Chance vom Teil der Burg zur Person, zum Individuum mit Möglichkeitsraum zu werden. Das Bild des Malers zeigt das Abbild der Burgherren. Für alle in der Burg stellt es die Möglichkeit dar, für den Burgherren, dessen Abbild es ist, stellt es nichts dar, er schaut auf das Bild seines Vorgängers, denn daher hat er Möglichkeit bekommen. Das Abbild des Burgherren ist der letzte Teil der Ahnengalerie, und schon für den Nachfolger des Burgherren gemacht. Es ist gemalt für den Mythos der Burg, um den jeweils herrschenden Burgherren in der Vergangenheit zu verankern. Und durch Dauerhaftigkeit des Mythos dessen Stärke zu demonstrieren, und den neuen Herrscher an die alte Herrschaft zu binden. Die Burg selber ist das Individuum, das “Ich“. Der Burgherr ist das Gegenüber der Bewohner, das „Du“ innerhalb der Burg, und die Ahnengalerie der Mythos. Der Mythos ist die Transzendenz. Die Burg wächst durch die Arbeit der Bewohner in dem Raum, der den Burgherren auf den Gründer der Burg bezieht. Das Bild des Burgherren ist immer die Ergänzung des der Burg Individualität entgegenstellenden Bildes. Ein Abbild ist das Bild der Burgherren nur für diejenigen in der Burg, die ihn loswerden wollen, um ihn durch sich zu ersetzen, so wird der Tyrannenmord zum Begleiter des Mythos.
Der Sturz der Burg durch den Händler
Der Händler macht sich alles zum Gegenstand. Er wertet auf und er wertet ab, und daraus entsteht sein Reichtum. Er kennt viele Burgen, und er weiß um die Relativität der Gültigkeit der Bilder. Er weiß Bilder von großer Reichweite von Bildern von kleiner Reichweite zu unterscheiden, er kann die Macht eines Herrschaftsbereiches einschätzen, und sich zu ihr in Relation setzen. Der Händler gehört keiner Burg an, er bewegt sich auf der ganzen Welt. Er verhandelt mit völlig verschiedenen Gegenübern Wertigkeiten und Risiken. Er agiert wie ein Schauspieler, indem er lernt die Rolle der Figur in verschiedenen Burgen / Identitäten anzunehmen. Er erlangt Reichtum und Macht durch seine Aktivitäten, doch fehlt ihm die identifizierende Gültigkeit. Er hat zu nichts ein Respektsverhältnis (respectare: zurückschauen), er hat keine kulturelle Einbindung, die ihm Rücksicht sinnvoll erscheinen lässt. Seine Vergangenheit ist verwandelt in Reichtum und Macht. Seine Perspektive ist das machbare. Er ist so lange rücksichtsvoll, wie es ihm sinnvoll erscheint, um aus einem Spiel mit auf und abwerten von Dingen und Menschen Gewinn zu ziehen. Dieser Gewinn begründet die Macht des Händlers, und ihn setzt er ein, um immer mehr Burgen in ein Schuldverhältnis ihm gegenüber zu treiben. Er kolonialisiert. (Colonia: die Pflanzstadt, von colere: hegen, pflegen, abwarten). Er hegt nicht und pflegt nicht und wartet nicht ab, sondern er fordert Tribut.
Jetzt ist er nicht mehr Händler, sondern Kapitalist. Jetzt setzt er seine Macht ein, indem er Abhängigkeit und Entwertung betreibt, und sofort funktioniert es wie ein Kettenbriefspiel, und die Macht des Kapitalisten nimmt unglaublich schnell zu. Er respektiert keine Werte, sondern nur die Verwertung, und wo er auftritt verwandelt sich alles von Kulturzusammenhängen in Verwertungszusammenhänge.
Er hat die Macht in der Burg übernommen, lässt sich malen, und hängt sein Abbild hinter seinen Schreibtisch.
Sein Bild löst das Burgherrenbild ab. Das Burgherrenbild war aber Teil des Mythos der Burg, und damit ein Identitätsbild mit „Ich“, „Du“ und „Geschehen“ Darstellung.
Das Abbild des Kapitalisten ist kein Identitätsbild, und so enden Mythos und Identität der Burg.
Der Kapitalist hat kein Gegenüber, da das den Respekt voraussetzten würde, sein Geschehen ist das Wachsen seines Reichtums, das hält er für seinen persönlichen Mythos, sein „Ich“ ist ein Zerrspiegel, der was auf ihn zukommt verkleinert, und was von ihm weggeht vergrößert. Die Identität des Kapitalisten ist keine Identität eines Menschen, sondern die eines Apparats; und zwar eines recht bedenklichen Apparats, er macht alles, was ihm nicht zugehörig ist klein und alles, was ihm zugehörig ist verwandelt er in eine Erweiterung des Apparats.
Das Abbild des Kapitalisten steht für die Behauptung der Fortführung von Herrschaft. Es hat sich aber nur die Macht des Kapitalisten als der Macht des Burgherren überlegen erwiesen, es ging um ein Kräftemessen in dessen Verlauf die Identität der Burg zerfiel, die Herrschaft hat, anders als die Macht, Identität bildend zu sein, und sie landet nicht beim Kapitalisten, sondern sie steht zur Disposition.
Beim Fall der Burg zerfällt ein Individuum in seine Aspekte, und mit dem Individuum zerfällt auch das Bild.
Es zerfällt in den Mythos, die in der Vergangenheit verankerte Erzählform des Burgbildes, und landet damit, nach einer Zeit der Differenzierung in einer Wirklichkeit, in der es kein „Ich“ und kein „Du“ gibt, bei der völligen Entwertung gegenwärtiger Menschen vor der einzigen Gültigkeit des Mythos. Das wird die Blut und Bodenmalerei des Faschismus.
Er zerfällt in den Sozialistischen Realismus, in dem es kein „Ich“ gibt, sondern die „Duheit „ aller Menschen als Bedingung der Erzählung definiert ist, hier ist der Einzelne als Fortsetzung des Klassenkampfes definiert, und nicht als Individuum.
Und er zerfällt in die gegenstandslose Malerei, in der es kein Gegenüber und keine Zugänglichkeit der Erzählung gibt.
Abstraktion (abstrahere: abziehen, wegnehmen) taucht als Bezeichnung einer Gegenstandslosen Malerei auf. Abgezogene Kunst, oder der Kunde beraubte Kunst, jedenfalls etwas, das nicht offenbart, was es ist, sondern nur zeigt: es ist etwas anderes. Es ermöglicht nicht aufs Individuum bezogene Interpretation. Man kann Behauptungen über Gegenstandslose Bilder aufstellen wie man will, und das Bild wird nicht in Widerspruch zu ihnen geraten.
Es ist nur Struktur/Komposition. Es entspricht demnach nur dem „Ich“ des Malers. Wenn es denn Verkündigung einer Person sein soll, dann kann es nur die embryonale Person sein. Und tatsächlich definiert es sich in seinen Anfängen als Suche nach Identität, die ja tatsächlich abhanden gekommen ist und neu gegründet sein will. Es will die Burg innerhalb des Malers als Identität stiftend erhalten. Dabei geht das Gegenüber verloren.
Das verkündende der abstrakten, der gegenstandslosen Kunst lautet: Ich kann Dich nicht sehen und ich weiß nicht ob ich bin.
Das ist die Ganzheit der Maler, deren Sehnsucht auf Stärke und Geschlossenheit geht. Sie übersehen die Teilhaftigkeit des einzelnen durch die Burg.
Sie wollen gerne weiter Burgherrenbilder malen, wichtig sein im Bezug auf einen Mythos und der Repräsentanz von Souveränität gegenüber Gültigkeit besitzen.
Das Wesen
Die Burg selbst scheint das Wesen zu sein, und sie folgte dem Stammeszusammenhang. Geht man die Ahnengalerie immer weiter zurück wird man schließlich auf die Totenmaske (Aha, das erste Abbild) stoßen, und damit zu sehen bekommen, worauf der Burgherr die ganze Zeit schauen musste, um die Identität der Burg gewährleisten zu können, und welchen Blick der Kapitalist den Burgbewohnern verstellt, indem er sein Abbild aufhängt.
Der Stamm besteht aus „Ich“, „Du“ und „Zusammenhang“. Das „Ich“ findet für den Stamm in der Rolle des kundigen statt (Priester, Medizinmann, Fährtensucher...). Das Du findet für den Stamm im Häuptling statt, und der Weltzusammenhang ist das auf die beiden identifiziert sein aller im Ganzen. Das Ganze ist die Unendlichkeit der Welt außerhalb des Stammes. Der Kundige blickt deutend nach vorne, aus dem Stamm heraus um Möglichkeit zu finden, der Herrscher steht neben Kundigen, Blickt den Stamm an, und alle im Stamm sind sie selbst nur gegenüber dem Herrscher. Der Herrscher bindet die Herde zusammen und der Kundige führt sie an. Der Kundige und der Herrscher sehen sich nicht. Der Herrscher ist un-vor-sichtig und der Kundige ist rück-sichts-los . Das Gegenüber, vor dem der Stamm als Einigkeit lebendig ist ist der Weidegrund. Die Identität des Urstammes ist die Identität der Landschaft. Die Transzendenz liegt im Einssein des Stammes mit der Ganzheit der sich erschließenden Welt. . Der Stamm und das Land sind die Ganzheit des Stammes. Die Begegnung des Urstammes mit einem zweiten Urstamm stellt den Kundigen des einen Urstammes mit dem des zweiten Urstammes gegenüber. Der Kundige erfährt dadurch, dass das Ganze nicht das Ganze ist, sondern Entsprechung hat, die Herrscher sehen einander nicht, da sie nur auf ihren Stamm bezogen sind, sie sind nur ihrem Stamm gegenüber existent, sie wissen nicht, dass ihnen ein zweites Volk gegenübersteht, die Völker fallen übereinander her. Es entsteht großes Durch-einander. Die Ganzheit begegnet einer Ganzheit und damit halbiert sich das Absolute. Weil es kein halbes absolutes gibt entsteht die Notwendigkeit, Identität festzulegen, anstatt sie einfach oder selbstverständlich zu haben. Hier kommt das erste Burgbild: zwei Menschen treffen einander, und bekommen Kinder. Sofort verwandeln sie sich in ein Burgwesen. Einer schaut nach vorn, wo es was zu essen gibt, einer zurück, und hält die Brut in Schach. Das Wesen des Burgwesens entspricht so ganz dem der Familie. Einer hält, was ihm entgegenkommt für das Ganze und sieht nicht was hinter ihm los ist, und einer hält was ihm folgt für das Ganze, und sieht nicht wo es herkommt, einer erkundet, einer beherrscht. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten der Begegnung: Zwei Frauen treffen einander und erkennen sich. Das ergibt Erkenntnis ohne Fruchtbarkeit, das ist die Liebe als reine Möglichkeit.
Zwei Männer treffen einander: Da wird der eine den anderen erschlagen und die Frau, die er nicht kennt in sein Burgwesen einsortieren, oder die Männer setzen sich ans Feuer und erzählen sich Geschichten, die Männer führen Kriege und die Frauen bewachen das Feuer, dann bleiben die Frauen der unsichtbare Fruchtbarkeitsmotor der die Burg durch die Welt schiebt. Das ist die mächtige Burg. In ihr ist alles festgelegt, und sie trägt das Feuer.
Oder ein Mann trifft eine Frau, dann gibt es den Moment des Erkennens, und kaum hat man einander erkannt wird man füreinander unsichtbar und ist nur noch Burg. Das ist die selbstverständliche Burg. Es gibt in ihr das Wissen über ihren Ursprung, sie versteht sich selbst. Ihr Kundschafter weiß um die Macht und die Macht weiß um die Kunde.
Der Mensch als Individuum verliert seine Identität also in der ersten Begegnung von Menschen und verschwindet in einem Wesen indem er über seine Funktion für das Wesen identifiziert ist, in der Familie, in der Burg, im Gemeinwesen. Im ersten Bild stehen zwei Frauen einander gegenüber und verwechseln sich zum Ganzen. Sie meinen miteinander das Ganze zu sein.
Im zweiten Bild sind zwei Männer auf Liebe und Tod verbunden, die Frauen sind unsichtbar und funktionieren. Die Männer denken, dass sie die ganze Möglichkeit sind, und in der Macht ganz werden können und verwechseln das Ganze mit ihrer Burg.
Im dritten Bild erkennen Mann und Frau einander, und wissen, dass sie nicht sind, was sie sind. Das erste Bild ist ein Zusammenhang, eine Erzählung.
Das zweite Bild ist das Bild expandierender Macht ohne Erkenntnis, ist ein wütender Mann, ein „Du“.
Das dritte Bild ist das Bild des verlorenen Menschen, das Wissen von Unmöglichkeit und Notwendigkeit des Ganzen. Das dritte Bild ist das „Ich“ des Autors.
Jetzt können wir Bibel lesen, und es ist ganz einfach: Nimm ein Blatt Papier, und zeichne auf eine Hälfte einen Mann, auf die andere Hälfte eine Frau. Dreh das Blatt um und zeichne hinter die Frau einen Mann, und hinter den Mann eine Frau. Falte es einmal in der Mitte und Du hast ein Buch. Jetzt hast Du ein Buch, und Du kannst es drehen und wenden wie Du willst, es kommt immer die Bibel dabei raus. Der Weg des Menschen durch den Menschen zum Menschen. Die Geschichte, wie eines indem es zwei geworden ist zu seinem Gegenüber wird. Das ist das Buch, das Geschriebene, und der darin beschriebene Weg führt vom Abbild durchs Ebenbild zum Bild. (Steht ganz am Anfang, in der kurzen Beschreibung, wie die Menschen Mensch wurden, bevor sie Burgwesen wurden).
Die Existenz des Buches und Die Existenz der Sprache ist das Zeichen, das wo immer man ist die Wahrheit schon da ist, und man sie finden kann.
Im Anfang geht die Linie los und beschreibt die Fläche, die Fläche entfaltet sich in den Raum. Der Raum entfaltet sich in Bildern. Wer zurückschaut ist noch eingebildet und legt sich fest, wer vorausschaut bildet sich aus. Das Zeichen dafür, dass im Raum nichts verloren geht sind einander liebende Frauen. Sie waren von Anfang an unmöglich, sie knutschen trotzdem im Park. Das Zeichen dafür, das es immer ein vor und ein zurück gibt sind die Kapitalisten, sie leben wie die Ungeborenen und verwechseln sich mit der Ganzheit der Welt.
Wenn man vom Ganzen zur Vielfalt gekommen ist, kommt man überall hin, es ist dann vermessen, einfältig zu sein, wer einfältig ist denkt, er wäre das Ganze alleine, er soll sich erklären.
Das mit den Bildern ist im Großen und Ganzen ganz einfach, wenn man weiß, wo vorne und hinten ist, bei oben und unten gilt es zu differenzieren.
Wer auf die Macht schaut findet sich reich und alleine.
Wer auf die Möglichkeit schaut findet sich in Erkenntnis und Arbeit.
Wer aufs Unmögliche schaut findet die Liebe.
Den ganzen Menschen findet man gegenüber, wenn da keiner ist, dann kann man ihn malen.
Findet man sich einem Bild gegenüber, gilt es zu verstehen, wo innen und wo außen ist, dann kommt man ins Gespräch.
Die Ganze Wahrheit der Bilder steht dem Bild gegenüber und entfaltet sich gegenüber der Welt.
Konstantin Rüchardt Tengstraße 25 80798 München
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